
Der König in mir
Jeder Mensch ist ein Unikum, einzigartig. Das ist ein Wunder, wenn man bedenkt, wie viele Milliarden von Menschen auf der Erde leben! Jeder Mensch spürt es selbst: Tief im Inneren liegt es, geheimnisvoll, mein ICH. Sogar mir selbst immer wieder neu, bis ins hohe Alter.
Im Laufe des Lebens lernt man sich selbst immer besser kennen und in der Begegnung mit sich selbst kann dieses Ich ein Leben lang wachsen. Auch die Umwelt trägt dazu bei: Durch Urvertrauen und Förderung in der Kindheit bis hin zu den Reibungen und Hürden, die man im Leben zu bewältigen hat, das alles trägt dazu bei, dass das Ich wachsen kann.
Die Biografie ist die Ich-Geschichte eines Menschen. Mein eigenes Ich ist es, welches morgens die Anknüpfung an die eigene Persönlichkeit wieder findet und sich so als gewordenes und immer weiter werdendes Wesen auf der Erde spürt.
Bei Tieren ist das durchaus nicht so! Sie leben in den Tag hinein, geführt von ihren körperlichen Bedürfnissen und Instinkten und manchen dumpfen Erinnerungen, die dann auftauchen, wenn die Sinne mit dem Geruch oder dem Bild gerade konfrontiert werden. Die körperlichen Bedürfnisse des Tieres sind in dem Moment entscheidend für seine Reaktion; sind alle Bedürfnisse befriedigt, so döst das Tier vor sich hin. Nur der Mensch kann Erinnerungen an sich selbst, ja sogar Gedanken über sonst unbekannte Dinge aktiv in sich wachrufen!
Der Mensch ist in der Lage, so etwas „Le-bensfernes“ wie ein Buch zu lesen, die Gedanken aus dem Buch mit den bisherigen eigenen Erfahrungen zu vergleichen und etwas aus dem Gelesenen zu lernen. Das ist Ich-Leistung!
Natürlich kann es immer mal passieren, dass man selber sein Ich vergisst und sich eben auch einfach von äußeren Umständen und Körperbedürfnissen treiben lässt …
Ein Urlaubstag am Strand unter der wär-menden Sonne bietet z. B. dazu die Gele-genheit und kann dazu führen, dass man danach seine Biografie mit neuem Elan wieder aufgreift.
In manchen Ländern ist es verboten, eine eigene Meinung zu haben, sich das Leben und die Arbeit so einzurichten, wie man das von sich aus am Besten findet. Gerade in der Gegenwart gibt es Revolten in diesen Ländern, die Menschen verlangen nach Selbstbestimmung und Verant-wor-tung.
Verantwortung gehört zum Ich dazu – denn nur das, was ich bewusst ver-antworten kann, trägt zum Wachstum meines Ichs und zum Wohle der Umgebung bei. Dafür ist ein gutes Maß an Sensibilität und Wissen nötig und ein sorgfältiges Abwägen! Ohne die Verantwortung wäre das mit dem Ich eine bloße selbstbezogene, egoistische Angelegenheit …
Nicht immer hat man das Wissen oder die Kraft, selbst zu entscheiden. Wie schön ist es dann, gute Freunde zu haben, von denen man Rat und Klärung erhalten kann. Heute gibt es auch berufliche Berater für alle Lebenslagen, die man in den immer komplizierter werdenden Lebensverhält-nissen um Rat bitten kann.
Aber bei allen Empfehlungen und gut ge-meinten Ratschlägen bleibt als entschei-dendes Zünglein an der Waage doch das eigene Ich.
Auch in allen Wogen, im Auf und Ab der Gefühle in der Seele ist es das Ich, welches das Ganze wie ein Kapitän auf einem Schiff auf hoher See überblickt und seine Entscheidungen trifft. Soweit es kann und soweit es gewachsen ist, um die Verant-wortung zu tragen.
So kann man im Leben beobachten, wenn gemeinsame Beratungen stattfinden und eine Entscheidung herbeigeführt werden soll, wie alle Augen sich plötzlich zu einer Person wenden, nämlich zu der, die man als Stärkste (in der Sache) ausgemacht hat.
Trifft dieser Mensch dann die Entscheidung, so ist es doch notwendig, dass diese von allen Ich-en getragen wird, sonst wird sie nicht fruchten. Das findet man wieder in dem Spruch von Rudolf Steiner:
„Heilsam ist nur,
wenn im Spiegel der Menschenseele
sich bildet die ganze Gemeinschaft
und in der Gemeinschaft lebet
der Einzelseele Kraft.“
So kommt die Menschheit langsam, Schrittchen für Schrittchen vorwärts und entwickelt auch insgesamt immer mehr Bewusstsein für selbstgeführtes und ver-antwortetes Leben.
Kleine Kinder wachsen dort hinein, und erwachsen werden heißt in diesem Sinne immer mehr, in die Lage zu kommen, Verantwortung für sich und die Welt zu übernehmen.
Es kann sein, dass es im Alter passiert, dass man nach und nach den Kontakt zur eigenen Biografie verliert, dass man am Ende nicht mehr weiß, wer man ist.
Warum das passiert, wissen wir nicht genau – Tatsache ist aber, dass wenn ein Mensch im Alter den Kontakt zum eigenen Ich verloren hat, er auf Hilfe angewiesen ist: von anderen Ich-Menschen liebevoll aufgenommen zu werden, um würdevoll das Leben zu Ende zu leben. Unser Haus Aja Textor-Goethe ist ein Ort, wo Menschen Aufnahme finden, die so eine schützende Hülle brauchen.
Im Fachseminar für Altenpflege machen Seminaristen eine Ausbildung zur Alten-pflegerinoder zum Altenpfleger. Das Menschenbild von Rudolf Steiner gibt uns die Hilfe, immer mehr über die körperlichen Bedürfnisse, aber eben auch über die Seele und das menschliche Ich zu erfahren und aufzunehmen.
Altenpfleger brauchen dieses Wissen und dazu das Erüben im Finden der eigenen Mitte, des eigenen Ichs, um die große Verantwortung zu ihrem Beruf kennen und tragen zu lernen.
Als Ich in einer Gemeinschaft zu leben und zu arbeiten und für Menschen da zu sein, denen selbst die Orientierung im eigenen Ich abhanden gekommen ist – dazu helfen uns die künstlerischen Übungen im Malen, Plastizieren, Eurythmie sowie Theaterspiel, Projektarbeiten usw.
Kürzlich war im Hospital für Palliativme-dizin eine Ausstellung der Werke von Herrn Götz Sambale. Ich besuchte die Vernissage und war wie vom Donner gerührt, als ich die Werke sah: kleine bronzene Skulpturen, auf mannshohen, schmalen Stehlen ausgestellt; es waren lauter Könige. Wie ein Bild vom ICH!
Sehr einfach gestaltet, zunächst aus Holz geschnitzt (Herr Sambale hat eine Schreiner-Ausbildung im Hof in Niederursel gemacht), sind sie in Bronze gegossen worden, danach geschwärzt. Nur die Krone ist poliert und leuchtet golden.
Diese Könige, jeder ein Unikat, standen dort auf ihren Stelen, jeder mit einem in-dividuellen Ausdruck.
Ich dachte daran, wie ich im Unterricht das Ich oft mit einem König vergleiche, dem König eben im eigenen (Seelen)-Reich. Und wie wir im Fachseminar immer wieder sagen: Jeder Mensch ist ein König, auch wenn du es nicht siehst oder wenn er selbst den Kontakt zu seiner Biografie verloren hat.
Und da standen sie vor mir! Die Könige. Jeder einzeln beleuchtet, so dass sein Schatten gegen die Wand gut sichtbar war.
Ein kleiner König, die Krone noch ohne Zacken – ja, wie ein kleiner Prinz, fiel mir besonders auf. Und da bin ich einem (Ich?-) Impuls nachgegangen, ich habe ihn gekauft!
Ich habe daran gedacht, welchen Eindruck es machen wird, wenn dieser kleine König am Eingang des Fachseminars steht, gut beleuchtet – und jeder Seminarist beim Eintreten in die Schule daran vorbeigeht. Dieser kleine König, ein echtes Kunstwerk, hoch auf seiner Stele, spricht für sich!
Herr Scharf hat zugesagt, dass unser Flur im 3. Stock, der sehr dunkel ist, renoviert werden darf und hellere Beleuchtung be-kommt. Herr Gnadt, der schon so manchem im Haus Farbe und Licht verliehen hat, hat sich der Gestaltung des Flurs angenommen. Bis das geschehen ist, wird der König noch innerhalb des Fachseminars seinen Platz haben.
Ich möchte alle Bewohner und Freunde des Hauses dazu anregen, sich diesen König anzusehen und … bei der Finanzierung zu helfen.
Die ersten 300 Euro haben wir bereits be-zahlt (Herr Sambale muss ja auch leben, um weitere Kunstwerke zu schaffen). Die übrigen 1200 Euro stehen noch aus; sind in den nächsten 1 _ Jahren abzustottern.
Ihre
Ada van der Star
Haus-Kurier November/Dezember 2005

